Fundamentale Fragen des Lebens: Kann man jemals zu viele Notizbücher haben?

Ein Vorteil davon, Literatur zu studieren, ist sicher, dass man immer von Papier umgeben ist. Zwischen den Buchdeckeln verstecken sich Geschichten, die uns in andere Welten entführen, in dunkle Vergangenheiten oder exotische Traumländer. All die großen Worte unserer Vorbilder begleiten und inspirieren uns, immer weiter über uns hinaus WP_20151026_015zu wachsen. Doch was ist mit unseren eigenen Worten und Gedanken? Auch die haben es verdient, zwischen verzierten Buchdeckeln und auf besonderen Notizzetteln festgehalten zu werden. Wer einmal Abwechslung von Hemingway’s klassischem Moleskine sucht, für den habe ich heute einen kleinen Geheimtipp parat. Auf meinem Besuch in Rom bin ich im Stadtteil Trastevere über den Schreibwarenladen Officina della Carta gestolpert. Man muss schon genau hingucken, um die gebundenen Schätze zu entdecken, die sich hinter dem kleinen Eingang und der mit Graffiti überdeckten Häuserfront verstecken. Zwischen den ganzen Bars und Restaurants auf der belebten Via Benedetta ist das kleine Schaufenster sehr leicht zu übersehen, also nicht verzweifeln, wenn man die ersten Male vorbeiläuft (ich spreche aus Erfahrung!). Dies ist nicht der Eingang zum Raum der Wünsche, der nur manchmal erscheint—diesen Laden gibt es tatsächlich, man muss nur die Augen offen halten! Einmal im Laden offenbaren sich Regale, die vor lauter Notizbüchern, Kalendern uWP_20151026_018nd Fotoalben fast zusammenbrechen zu scheinen. Von kleinen Notizzetteln bis hin zum in Leder gebundenen Fotoalbum gibt es alles, was das Schreibwarenherz begehrt, und das in sämtlichen Größen und Ausführungen. Ob ein kleiner Taschenkalender mit Ornamenten und Goldrand, oder einem großen Notizbuch mit Tulpen und Stoffband zum Verschnüren, das Officina della Carta platzt aus allen Nähten vor lauter Auswahl. Auch für Geschenksuchende sei das Geschäft warm ans Herz gelegt, und wer nicht fündig wird, der ist zumindest gleich am richtigen Ort für einzigartiges Geschenkpapier und –boxen. Und danach kann man sich mit einem Kaffee oder Eis in einem der zahlreichen Cafés belohnen!


Officina della Carta
Via Benedetta 26B
Rom

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Teilchen & Beschleuniger – Hipsterbagel für Münster

Münster ist ja vor allem durch den besten Tatort DeutschlandsWP_20160115_016 und eine Unmenge von Fahrrädern bekannt. Wer es schafft, auf dem Weg durch die Innenstadt nicht von einem Fahrradfahrer überrollt zu werden, dem empfehle ich eine Stärkung im Teilchen & Beschleuniger. Schon beim Betreten besticht das Café mit seinen gemütlichen Sofas und Sesseln. Frische Blumen und Kerzen auf den Nierentischen vom Flohmarkt laden direkt zum Verweilen ein und verleihen dem kleinen Gastraum eiWP_20160115_014ne heimelige Atmosphäre. Besonders bekannt ist das Teilchen & Beschleuniger für seine große Auswahl an besonderen Bagels, die direkt frisch auf Bestellung für uns zubereitet wurden. Zusammen mit starkem Kaffee eine tolle Stärkung zur Mittagszeit, die es übrigens auch zum Mitnehmen gibt, wenn man es besonders eilig hat oder sollte es mal zu voll werden (was zu Stoßzeiten durchaus der Fall ist!). Bei unserem Besuch haben wir uns durch einige der Bagel durchprobiert und waren von jedem überzeugt—egal ob süß oder herzhaft, für jeden Geschmack war etwas dabei (besonders geschmeckt habenWP_20160115_011 uns Eva’s Bagel mit Frischkäse, Ziegenkäse, Walnüssen, Honig und Rucola, und Henrika’s Bagel mit Frischkäse, geräuchertem Schinken, Balsamico, Parmesan und Rucola) . Abends verwandelt sich das Café in eine Bar und hat von kleinen Konzerten, über Ginverkostungen, bis hin zu Lesungen aus alten Tagebüchern viel zu bieten! Als kleines Schmankerl findet sich übrigens außerdem hinter dem Tresen, fast versteckt in einem Hinterzimmer, allerlei Selbstgemachtes von regional ansässigen Künstlern. Hier findet man Unikate wie Jutebeutel, Schmuck oder Haarschleifen, die sich toll als Geschenke eignen. Alles in allem: das Teilchen & Beschleuniger ist ein wunderbarer Ort, um den verrückten Müsteraner Fahrradfahrern zu entkommen und sich eine leckere Auszeit zu gönnen!


Wolbecker Str. 55
48155 Münster

Öffnungszeiten:
Montag – Freitag: ab 8.30 Uhr
Samstag: ab 9 Uhr
Sonntag: ab 10 Uhr

Teilchen & Beschleuniger auf Facebook: https://www.facebook.com/teilchenundbeschleuniger/

Coo Coo Ca-choo, Mrs. Robinson – Charles Webb’s “The Graduate” (Die Reifeprüfung)

Auch wenn der gleichnamige Film mit dem jungen Dustin Hoffmann als Benjamin Braddock seiner Romanvorlage schon lange die Show gestohlen hat, so lohnt sich doch der Griff ins Bücherregal für diesen Klassiker der amerikanischen Postmoderne. Charles Webb schrieb den Roman im Alter von 24 Jahren, doch erst mit seiner Verfilmung vier Jahre später erlangte die Geschichte große Bekanntheit.
Wir treffen auf Webb’s Protagonisten Benjamin Braddock bei seiner Rückkehr in den Haushalt seiner Eltern nach seinem erfolgreich absolvierten Studium. Von seinen Eltern und dessen Freunden wird er als goldener Sohn seiner Vorstadt gefeigrad2ert, Bester seines Jahrgangs, und mit Preisen und Stipendien für weiterführende Studien überhäuft. Doch Benjamin sträubt sich gegen das zeremonielle Schulterklopfen und gegen alle Gratulationen und Fragen nach dem Wie weiter. Selten ist mir in der Literatur ein so tief unzufriedener Charakter begegnet. Webb skizziert Benjamin’s Leben im Haus seiner Eltern als so ereignislos, dass Tagesabläufe und Gespräche schon fast eine satirische Qualität erhalten. Seine Lethargie ist Balsam für die Seelen verstörter und desillusionierter Mittzwanziger auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und einem passenden Job, jetzt wo das Studium beendet ist. In seinem verzweifelten Versuch sich selbst zu finden, beginnt Benjamin eine Affäre mit Mrs. Robinson, Ehefrau des Geschäftspartners seines Vaters. Doch auch diese bringt keine Abhilfe. Benjamin sperrt sich einen Monat in seinem Zimmer ein und erscheint mit einem neuen Schlachtplan: Sein Ziel ist es, Elaine Robinson für sich zu gewinnen, niemand geringeres als Mrs. Robinson’s Tochter, mit der er schon auf mehreren gescheiterten Dates war. Er zieht nach Berkeley und sucht immer wieder den Kontakt zu Elaine, die sich seinen Avancen trotz ihres Wissens um Benjamin’s Affäre mit ihrer Mutter nicht ganz entziehen kann. Seinem Heiratsantrag folgen jedoch die Interventionen von Mr. Robinson, gehörntem Ehemann, und Benjamin’s Vater Mr. Braddock. Auf wen wird Benjamin hören? Und meint er es tatsächlich ernst mit Elaine?
Der fast schon erdrückende Realismus Webb’s erinnert mitunter an andere amerikanische Schriftsteller wie Philip Roth, die ihre Protagonisten desillusioniert in amerikanischen Vorstädten der Nachkriegszeit zum Leben erwecken. Aus großen Träumen und Plänen wurde erdrückender Alltag, angepasst an die starren sozialen Normen der Eltern. Die Reifeprüfung endet semi-revolutionär, als Benjamin Elaine’s überhastet angesetzte Hochzeit zu einem Kommilitonen sprengt und mit ihr durchbrennt, jedoch gleichzeitig verspricht, den noch vorher von ihm verschmähten Job als Lehrer anzunehmen, um für seine neue Ehefrau sorgen zu können. Die wirklich tragische Figur ist jedoch Mrs. Robinson, die gezwungen durch gesellschaftliche Konventionen erst einen Mann heiraten musste, den sie nicht liebt, dann der Alkoholsucht verfiel, und nach der Affäre mit Benjamin vor den Trümmern ihrer sozialen Existenz steht. Um diesen Artikel aber doch noch ermutigend zu beenden, hier noch ein kleines Zitat von Simon & Garfunkel aus dem nach ihr benannten Song, Teil des absolut großartigen und nur zu empfehlendem Soundtracks zum Film Die Reifeprüfung:

„Look around you, all you see are sympathetic eyes
Stroll around the grounds until you feel at home
And here’s to you, Mrs. Robinson
Jesus loves you more than you will know“

Marshalls Mum Leipzig – Mumfins für die Südvorstadt

Was gibt es besseres an einem verregneten Sonntag als eiWP_20160320_014nen gemütlichen Kaffeeklatsch? Das Café Marshalls Mum in der Leipziger Südvorstadt, nur wenige Schritte vom Südplatz entfernt, ist genau der richtige Ort für Kaffee und Kuchen der ganz besonders leckeren Art. Seit 2012 gibt es dort amerikanische Spezialitäten wie Cupcakes unWP_20160320_005d Cheesecakes und natürlich auch vegane Alternativen. Das kleine Café ist sehr gemütlich und hell eingerichtet, und lässt jedes Kitschherz höher schlagen. Für das gute Gewissen entschieden wir uns nach langem Überlegen für den Cheesecake mit Beerentopping. Cremig und nicht zu süß kam er daher, mit leichtem Popcorngeschmack in der Kruste und wunderbar abgerundet mit den säuerlichen Beeren – eine tolle Komposition! Die Backstube des Cafés ist direkt hinter dem Tresen. Während unseres Besuchs buken dort dutzende von kleinen Schokotörtchen und füllten die Luft mit feinen Schokogerüchen. Davon inspiriert ließen wir uns nach dem Cheesecake noch zu einem Chocolate Fudge Brownie hinreißen und wurden auch hier nicWP_20160320_011ht enttäuscht – jeder neue Biss entführte uns in neue Höhen des Schokogenusses! Besonders erwähnen möchte ich auch noch den wirklich sehr leckeren Kaffee, aber auch die kalten Getränke wie die hausgemachte Limonade waren super. Für schöne Frühlingsnachmittage bietet das kleine Café auch Plätze unter freiem Himmel. Da mein kleiner Geheimtipp diesmal gar nicht mehr so geheim ist und wir ganz schön mit anderen Kuchenbegeisterten um einen Tisch kämpfen mussten, würde ich unbedingt dazu raten, vor dem Besuch Plätze zu reservieren. Ansonsten kann man alle Leckereien und Getränke auch für zu Hause mitnehmen.


August-Bebel-Straße 1                                                                                                                     04275 Leipzig

Öffnungszeiten:                                                                                                                            Dienstag – Sonntag: 12 – 19 Uhr                                                                                                 Montag Ruhetag

Marshalls Mum auf Facebook: https://www.facebook.com/pages/Marshalls-Mum/199632353499503

Italiener können nicht nur Tiramisu und Cannoli – Biscottificio Artigiano Innocenti Rom

Da der Frühling hierzulande noch ein bisschen auf sich warten lässt, führt mich der heutige Reisetipp ins warme Rom. Nach Tagen voller Kultur, TiramisWP_20151026_001u, Pizza und gutem Wein verschlug es uns auf unseren Wanderungen in eine abgelegene Ecke des Studentenviertels Trastevere. Dort, in einer der ruhigeren Seitenstraße des sonst vor Leben pulsierenden Viertels, verstecken sich keksige Köstlichkeiten in der Biscottificio Artigiano Innocenti. In dieser Keksbäckerei gibt es alles, was das Herz eines Krümelmonstergourmets begehrt. Ob mit Mandeln, Schokolade, Marmelade oder gezuckert: die Variationen der kleinen Familienbäckerei erscheinen endlos. Die Einrichtung des Ladens ist beinahe antik, typisch römisch eben, unWP_20151026_004d alte Fotos und Zeitungsausschnitte an den Wänden zeugen von vergangenen erfolgreichen Bäckergenerationen. Während wir überlegten, wie viel Kilo Kekse wohl noch in unsere Koffer passen würden, brachte der Milchmann beutelweise frischen Ricotta vorbei und gab uns das Gefühl von echter Regionalität. Die Verkäuferinnen sind wirklich sWP_20151026_010ehr freundlich und tun ihr Bestes, um jede einzelne Kekssorte zu erklären—gar nicht so einfach mit ihren schlechten Englisch- und unseren rudimentären Italienischkenntnissen! Wir entschieden uns für ein klein wenig von allem und wurden nicht enttäuscht. Alle Kekse überzeugten mit ihrem feinen Geschmack und besonders die Schweinsohren waren an Buttrigkeit kaum zu übertreffen. Auch zu empfehlen sind die italienischen Nussmakronen mit dem wohlklingenden Namen Brutto ma Buoni (hässlich, aber lecker). Ein absoluter Geheimtipp, für den sich ein kleiner Umweg ganz sicher lohnt!


Via Della Luce 21                                                                                                                                 00153 Rom

Öffnungszeiten:                                                                                                                                   8.00 – 20.00 Uhr

 

Welcome to #Detreudnitz – Espresso Zack Zack in Leipzig

Was vor zehn Jahren die Leipziger Südvorstadt und noch vor fünf Jahren Plagwitz, das ist nun Reudnitz im Leipziger Osten, der den Titel als neue Hipsterhochburg der Stadt für sich beansprucht. Wahrzeichen des Viertels ist das Reudnitzer Brauhaus, welches die Sternburg Brauerei beherbergt. Einen WP_20160318_002-1Steinwurf von der Brauerei entfernt an der Grenze des Lene-Voigt-Parks gelegen, findet sich die Kaffeebar Espresso Zack Zack. Und tatsächlich: wenn man das Wort Hipstercafé im Lexikon nachschlagen würde, stände neben dem Artikel ein Foto der Kaffeebar. Im Vorraum begrüßt einen die Theke voller Kuchen und kleineWP_20160318_001-1n Karamellen und während man auf seinen Kaffee wartet, fällt der Blick auf ein buntes Regal voller Zubehör für den Leipziger Kaffeeliebhaber. Ob KeepCups für die umweltbewussten Koffeinsüchtigen oder Kaffeebohnen für den Genuss zu Hause, als Fachhandel für Espressozubehör bleiben im Espresso Zack Zack kaum Wünsche offen (richtige Maschinen gibt esWP_20160318_003-1übrigens im angrenzenden Gastraum). Die blanken Holztische mit ihren Blumensträußen und Stühle, die mich an das Interieur meiner DDR-Grundschule vor ihrer Renovierung erinnern, erzeugen eine hipsterlich-gemütliche Atmosphäre. Herz des Raumes ist eine lange Tafel, die anstatt vieler kleiner Tische zum Verweilen einlädt. Alles wirkt sehr offen und freundlich, aber gleichzeitig hipsteresque minimalitisch. Während draußen Hipsterpärchen ihren Nachwuchs in Kinderwagen aus den Fünfzigerjahren vorbei schieben, schmecken die Kaffeespezialitäten drinnen sehr lecker und sind schon allein ein Argument für einen weiteren Besuch im Café Espresso Zack Zack. Also, Bärte gekämmt, New Balance angezogen, und auf nach Reudnitz!


Albert-Schweizer-Straße 2                                                                                                            04317 Leipzig

Öffnungszeiten:                                                                                                                               Montag – Sonntag: 9 – 18 Uhr

17 Jahre nach Columbine: Sue Klebold’s “A Mother’s Reckoning”

Der 20. April 1999 hat sich in das kollektive Gedächtnis Amerika’s eingebrannt, wie kein zweites Datum. An diesem Dienstag verübten Eric Harris und Dylan Klebold den bis dato verheerendsten Amoklauf in der Geschichte der westlichen Zivilisation. Bewaffnet mit einem Arsenal an Schusswaffen und selbstgebauten Bomben betraten sie die Columbine High School in Littleton, Colorado und töteten in einer beispiellosen Gräueltat erst zwölf Schüler, einen Lehrer, verletzten 24 weitere Menschen und töteten51TYMq3nW8L._AC_UL320_SR200,320_ anschließend sich selbst. Seitdem ist der Begriff Columbine Synonym für unberechenbare und außer Kontrolle geratene Teenager, für zu lasche Waffengesetze und die Konsequenzen aus der unbarmherzigen Mobbingkultur an amerikanischen High Schools. Die Popkultur reagierte auf die traumatischen Erlebnisse mit einer Zahl von Büchern und Filmen, die sich dem Thema annahmen und versuchten, Erklärungen zu finden. Wohl bekanntestes Produkt aus dieser Bewegung ist Michael Moore’s hochironischer Dokumentationsfilm Bowling for Columbine, der die Waffenkultur in den Vereinigten Staaten anprangert. Viel wurde über die Täter gemutmaßt und die Frage, wie zwei 18-jährige unbemerkt so viel Hass entwickeln und über ein Jahr lang den Amoklauf planen konnten. Autopsieberichte, Tagebucheinträge und die berühmten Basement Tapes (in denen die Täter ihre Beweggründe und Planung haarklein dokumentierten) wurden teilweise zugänglich gemacht, doch auch sie konnten keinen vollen Aufschluss geben. Jetzt, fast siebzehn Jahre nach der Tat hat Sue Klebold, die Mutter einer der Amokläufer ihre Memoiren veröffentlicht.

Ihr Buch gibt wertvolle Einblicke in das Leben der Familie Klebold vor dem Amoklauf, und illustriert schonungslos die Erlebnisse nach der Tat. Sue Klebold verschließt nicht die Augen vor dem Horror, den ihr Sohn verursacht hat. Ihre Anekdoten vermenschlichen jedoch auch den Täter, der in den letzten Jahrzehnten einer grob gezeichneten und monströsen Karikatur verunstaltet wurde—gefeiert von einer Subkultur, dämonisiert von der breitetimemagn Masse. Jede Seite, ja jeder Satz ist gekennzeichnet von ihrem Kampf zwischen den Erinnerungen an ihren Sohn wie sie ihn kannte, und seinen Morden. Die Klebolds kämpften gleichzeitig an drei Fronten: sie trauerten um ihren Sohn, um seine unschuldigen Opfer und mussten sich gleichzeitig nicht nur vor der ganzen Nation, sondern vielmehr vor der ganzen Welt erklären. Besonders wichtig und richtig erscheint mir, dass Klebold viele wissenschaftliche Meinungen und Studien bemüht, um ihre Reaktionen zu erklären und die Taten ihres Sohnes zu annotieren. Mit ihrem Erfahrungsschatz lenkt sie die Aufmerksamkeit auf alle Symptome der Depression ihres Sohnes, die sie seinerzeit übersehen hat. Dylan’s Tagebücher zeigen, dass er schon Jahre vor der Tat schwer depressiv und auch suizidal war, eine Tatsache, die er geheim hielt. Versuche, sich mit Alkohol selbst zu therapieren schlugen fehl und so wurde er besonders empfänglich für Eric’s homizidale Ideen. Nach Jahren harten Kampfes mit Trauer, Scham und Schuld ist Sue Klebold jetzt Aktivistin für Suizidprävention. Sie möchte mit dem Buch eine breite Masse auf die Gefahren von übersehenen psychischen Krankheiten aufmerksam machen. Und natürlich ist sie auch eine Mutter, die versucht, das Bild ihres Sohnes in der Öffentlichkeit zu entzerren.

Dieses Buch ist definitiv keine Strandlektüre. Was Sue Klebold aber erreicht, ist ein höheres Bewusstsein für Symptome von Depression und um hilfreiche Ansätze für Trauerarbeit. Alle Einnahmen aus ihren Verkäufen, kommen Stiftungen für psychische Krankheiten zugute. Ihr Text muss reflektiert und mit viel Vorsicht gelesen werden. Trotzdessen liefert er wieder einen kleinen Baustein, um das eigentlich Unerklärliche zu erklären.