Road Trip mit Jack Kerouac

Mein Sommer dieses Jahr steht ganz im Zeichen einer fünfwöchigen Reise durch die USA. Um das gebührend zu feiern und auch gleich noch einige Lesetipps für heiße Tage und lange Abende geben zu können, habe ich eine kleine literarische Rundreise hier auf dem Blog geplant. In den nächsten fünf Wochen nehme ich euch in die verschiedenen Ecken Amerikas mit und stelle Bücher vor, die in den Regionen spielen, in denen auch wir Halt machen. Vom Mittleren Westen, über Kalifornien, die Südstaaten, und New York—zu jedem Ort wird es einen Buchtipp geben. Den Anfang macht diese Woche Jack Kerouac und sein Klassiker der Beat Generation Unterwegs (On the Road). Veröffentlicht im Jahr 1957, wurde Kerouac’s Buch bald zum prominentesten Standardwerk dieser literarischen Bewegung und machte seinen Autor zum berühmtesten Vertreter und gleichzeitig Vorvater der Hippiebewegung der 1960er Jahre. In seinem Klassiker der Road Trip Literatur nimmt uns Kerouac mit auf seine chaotischen Reisen quer durchs Land. Wer von diesem Buch einen klassischen Erzählstrang erwartet, wird jedoch enttäuscht werden. Ein Stilmittel Kerouac’s ist seine spontane Prosa, mit der er schon den modernistischen Versuch wieder aufgreift, den sonst kaum erfassbaren Gedankenfluss des Autors auf Papier zu bannen. Dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass er sein Originalmanuskript innerhalb von drei Wochen fertig stellte. In einem Interview mit Steve Allen aus dem Jahr 1959 erzählt der schüchtern wirkende Kerouac von seiner Art, Texte zu verfassen. Seine narrativen Arbeiten, wie On the Road, verfasste er an der Schreibmaschine mit einer ununterbrochenen Fernschreiberpapierrolle; seine Lyrik dagegen mit Bleistift. Ersteres ließ Truman Capote, bekannter Autor von Frühstück bei Tiffany’s, spöttisch bemerken: „That’s not writing, that’s typing“ (Das ist nicht schreiben, das ist tippen). Egal jedoch, wie man zu spontaner Prosa steht, sicher ist, dass die Beat Generation um ihre berühmten Autoren das konforme Amerika der 1950er Jahre aufgerüttelt hat. Ähnlich wie Benjamin Braddock in The Graduate ein Jahrzehnt später rebellieren auch sie—doch werden auf ihrer Sinnsuche nicht vom Mainstream eingeholt.  Beim Lesen von On the Road konnte ich aber zwischen ihrem unbeständigen Lebensstil zwischen Ost- und Westküste, zwischen Ehen und Affären, zwischen Jazz und Drogen nicht ein Gefühl von erdrückender Melancholie abschütteln. Diese Männer sind unablässig auf der Suche nach dem großen Es, dem Sinn des Lebens, dem großen Glück. Nachdem ich die letzte Seite umgeblättert hatte, fühlte ich mich beinahe selbst wie nach einem langen Road Trip, erschöpft und froh, zu Hause zu sein. Kerouac‘s Charaktere sind alle stark autobiographisch an ihn und seine Freunde der Beat Generation, wie zum Beispiel Neal Cassady, Allen Ginsberg oder William S. Burroughs, angelehnt. Alle Protagonisten versuchen ständig, den Verpflichtungen des Lebens zu entkommen und werden beim Versuch dabei zu Karikaturen verzerrt, die mit aller Macht und allen Drogen der Realität zu entfliehen versuchen. Wer hofft, konkrete Bilder von amerikanischen Städten gemalt zu bekommen, wird dementsprechend enttäuscht werden. Kerouac mystifiziert viel mehr, als dass er reale Bilder zeichnet. So sehr wie Sal Paradise im Buch auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist, so suche auch ich als Leser nach seiner Idee der USA, seinem Amerika. Als Liebhaberin von viktorianischen Klassikern habe ich mich außerdem mit Kerouac‘s Erzählweise ziemlich schwer getan. Dieses Buch ist definitiv keine Strandlektüre, aber öffnet die Augen für eine literarische Bewegung des Amerika’s der 1950er Jahre, die zumindest hier in Deutschland zumeist unbekannt ist.

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Geheimtipp aus der englischen Romantik: Thomas De Quincey

Die englische Literaturepoche der Romantik brachte große Dichter und Denker hervor. Als Gegenbewegung zur Aufklärung wandten sich Künstler der Natur zu und flüchteten vor Industrialisierung und politischen Revolutionen in Traumländer und Sagenwelten. Die größten Namen der englischen Romantik sind sicher Dichter wie Percy Shelley, William Wordsworth, Lord Byron oder Samuel Taylor Coleridge. Einer der größten, aber bisher kaum beachteten Genies dieser Zeit ist Thomas De Quincey. In Manchester geboren, schrieb er vor allem Essays, aber wenig fiktionale Texte. Bekannt und berühmt wurde er mit der Veröffentlichung seiner Beichten2012AA02791 eines englischen Opium-Abhängigen (Confessions of an English Opium-Eater). In diesen beschreibt er, stark biographisch angehaucht, von seiner Abhängigkeit zum Opium. Opium war in dieser Zeit ein sehr beliebtes Medikament und seine Wirkung als abhängig machende Droge wurde sehr unterschätzt. Fast alle der anderen oben genannten Autoren und Dichter waren auch opiumabhängig, besonders Samuel Taylor Coleridge und der schon sehr früh verstorbene John Keats. De Quincey beleuchtet also einen Teil der englischen Lebensart jener Zeit, die sonst beinahe in Vergessenheit gerät. Besonders interessant ist eine psychoanalytische Lesart seines Textes, da er eben nicht nur die Anfänge und Auswirkungen seiner Abhängigkeit beschreibt, sondern besonders großen Wert darauf legt, viel über seine bewegte Kindheit und Jugend zu erzählen. Unter Literaturwissenschaftlern gibt es schon lang die Ansicht, dass Psychoanalyse als sekuläre Beichte angesehen werden kann, und dementsprechend bietet De Quincey’s Text viele Anhaltspunkte für psychoanalytische Ansätze, die den Grund für gewisses Verhalten in frühkindlichen Traumata sehen. Mit der Inklusion seiner Erinnerungen erschafft De Quincey somit beinahe eine Therapiesituation, in der er schriftlich über seine Trauma reflektiert. Und auch wenn es sehr gewagt ist zu behaupten, dass seine frühe Konfrontation mit dem Tod und Existenz- und Verlustängsten zu seiner Anfälligkeit für Opiate beigetragen hat, so scheint mir dieser Schluss mit Blick auf Freud’s Theorien nicht zu weit hergeholt. Neben all den wissenschaftlichen Beschreibungen seiner Abhängigkeit und minutiös aufgeführten Mengen des genommenen Opiums, macht De Quincey aber auch keinen Hehl daraus, dass er eine große sprachliche Begabung hatte. Immer wieder fügt er altgriechische Zitate in seinen Text ein, oder erwähnt am Rande seine Lektüre deutscher Philosophen wie Immanuel Kant. Man nimmt ihm aber sein subtiles Prahlen kaum übel, da er seine Texte außerdem mit wunderschönen Metaphern und tiefsinnigen Gedankengängen spickt, die zum Beispiel London’s Straßen zu „mächtigen Labyrinthen“ werden lassen, in denen man sich, obwohl nur wenige Schritte voneinander entfernt, „bis in alle Ewigkeit verliert“. Immer wieder spürt man so, dass man einen romantischen Text liest, der sich eben nicht nur an  der Ratio orientiert, sondern Zeit für diese Observationen nimmt. De Quincey’s Hauptwerk, seine Beichte, wurden bisher nicht ins Deutsche übersetzt—ein weiteres Indiz für sein bisher kaum bekanntes Genie und ein wirklicher Verlust für die deutsche Literaturlandschaft.

Coo Coo Ca-choo, Mrs. Robinson – Charles Webb’s “The Graduate” (Die Reifeprüfung)

Auch wenn der gleichnamige Film mit dem jungen Dustin Hoffmann als Benjamin Braddock seiner Romanvorlage schon lange die Show gestohlen hat, so lohnt sich doch der Griff ins Bücherregal für diesen Klassiker der amerikanischen Postmoderne. Charles Webb schrieb den Roman im Alter von 24 Jahren, doch erst mit seiner Verfilmung vier Jahre später erlangte die Geschichte große Bekanntheit.
Wir treffen auf Webb’s Protagonisten Benjamin Braddock bei seiner Rückkehr in den Haushalt seiner Eltern nach seinem erfolgreich absolvierten Studium. Von seinen Eltern und dessen Freunden wird er als goldener Sohn seiner Vorstadt gefeigrad2ert, Bester seines Jahrgangs, und mit Preisen und Stipendien für weiterführende Studien überhäuft. Doch Benjamin sträubt sich gegen das zeremonielle Schulterklopfen und gegen alle Gratulationen und Fragen nach dem Wie weiter. Selten ist mir in der Literatur ein so tief unzufriedener Charakter begegnet. Webb skizziert Benjamin’s Leben im Haus seiner Eltern als so ereignislos, dass Tagesabläufe und Gespräche schon fast eine satirische Qualität erhalten. Seine Lethargie ist Balsam für die Seelen verstörter und desillusionierter Mittzwanziger auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und einem passenden Job, jetzt wo das Studium beendet ist. In seinem verzweifelten Versuch sich selbst zu finden, beginnt Benjamin eine Affäre mit Mrs. Robinson, Ehefrau des Geschäftspartners seines Vaters. Doch auch diese bringt keine Abhilfe. Benjamin sperrt sich einen Monat in seinem Zimmer ein und erscheint mit einem neuen Schlachtplan: Sein Ziel ist es, Elaine Robinson für sich zu gewinnen, niemand geringeres als Mrs. Robinson’s Tochter, mit der er schon auf mehreren gescheiterten Dates war. Er zieht nach Berkeley und sucht immer wieder den Kontakt zu Elaine, die sich seinen Avancen trotz ihres Wissens um Benjamin’s Affäre mit ihrer Mutter nicht ganz entziehen kann. Seinem Heiratsantrag folgen jedoch die Interventionen von Mr. Robinson, gehörntem Ehemann, und Benjamin’s Vater Mr. Braddock. Auf wen wird Benjamin hören? Und meint er es tatsächlich ernst mit Elaine?
Der fast schon erdrückende Realismus Webb’s erinnert mitunter an andere amerikanische Schriftsteller wie Philip Roth, die ihre Protagonisten desillusioniert in amerikanischen Vorstädten der Nachkriegszeit zum Leben erwecken. Aus großen Träumen und Plänen wurde erdrückender Alltag, angepasst an die starren sozialen Normen der Eltern. Die Reifeprüfung endet semi-revolutionär, als Benjamin Elaine’s überhastet angesetzte Hochzeit zu einem Kommilitonen sprengt und mit ihr durchbrennt, jedoch gleichzeitig verspricht, den noch vorher von ihm verschmähten Job als Lehrer anzunehmen, um für seine neue Ehefrau sorgen zu können. Die wirklich tragische Figur ist jedoch Mrs. Robinson, die gezwungen durch gesellschaftliche Konventionen erst einen Mann heiraten musste, den sie nicht liebt, dann der Alkoholsucht verfiel, und nach der Affäre mit Benjamin vor den Trümmern ihrer sozialen Existenz steht. Um diesen Artikel aber doch noch ermutigend zu beenden, hier noch ein kleines Zitat von Simon & Garfunkel aus dem nach ihr benannten Song, Teil des absolut großartigen und nur zu empfehlendem Soundtracks zum Film Die Reifeprüfung:

„Look around you, all you see are sympathetic eyes
Stroll around the grounds until you feel at home
And here’s to you, Mrs. Robinson
Jesus loves you more than you will know“

17 Jahre nach Columbine: Sue Klebold’s “A Mother’s Reckoning”

Der 20. April 1999 hat sich in das kollektive Gedächtnis Amerika’s eingebrannt, wie kein zweites Datum. An diesem Dienstag verübten Eric Harris und Dylan Klebold den bis dato verheerendsten Amoklauf in der Geschichte der westlichen Zivilisation. Bewaffnet mit einem Arsenal an Schusswaffen und selbstgebauten Bomben betraten sie die Columbine High School in Littleton, Colorado und töteten in einer beispiellosen Gräueltat erst zwölf Schüler, einen Lehrer, verletzten 24 weitere Menschen und töteten51TYMq3nW8L._AC_UL320_SR200,320_ anschließend sich selbst. Seitdem ist der Begriff Columbine Synonym für unberechenbare und außer Kontrolle geratene Teenager, für zu lasche Waffengesetze und die Konsequenzen aus der unbarmherzigen Mobbingkultur an amerikanischen High Schools. Die Popkultur reagierte auf die traumatischen Erlebnisse mit einer Zahl von Büchern und Filmen, die sich dem Thema annahmen und versuchten, Erklärungen zu finden. Wohl bekanntestes Produkt aus dieser Bewegung ist Michael Moore’s hochironischer Dokumentationsfilm Bowling for Columbine, der die Waffenkultur in den Vereinigten Staaten anprangert. Viel wurde über die Täter gemutmaßt und die Frage, wie zwei 18-jährige unbemerkt so viel Hass entwickeln und über ein Jahr lang den Amoklauf planen konnten. Autopsieberichte, Tagebucheinträge und die berühmten Basement Tapes (in denen die Täter ihre Beweggründe und Planung haarklein dokumentierten) wurden teilweise zugänglich gemacht, doch auch sie konnten keinen vollen Aufschluss geben. Jetzt, fast siebzehn Jahre nach der Tat hat Sue Klebold, die Mutter einer der Amokläufer ihre Memoiren veröffentlicht.

Ihr Buch gibt wertvolle Einblicke in das Leben der Familie Klebold vor dem Amoklauf, und illustriert schonungslos die Erlebnisse nach der Tat. Sue Klebold verschließt nicht die Augen vor dem Horror, den ihr Sohn verursacht hat. Ihre Anekdoten vermenschlichen jedoch auch den Täter, der in den letzten Jahrzehnten einer grob gezeichneten und monströsen Karikatur verunstaltet wurde—gefeiert von einer Subkultur, dämonisiert von der breitetimemagn Masse. Jede Seite, ja jeder Satz ist gekennzeichnet von ihrem Kampf zwischen den Erinnerungen an ihren Sohn wie sie ihn kannte, und seinen Morden. Die Klebolds kämpften gleichzeitig an drei Fronten: sie trauerten um ihren Sohn, um seine unschuldigen Opfer und mussten sich gleichzeitig nicht nur vor der ganzen Nation, sondern vielmehr vor der ganzen Welt erklären. Besonders wichtig und richtig erscheint mir, dass Klebold viele wissenschaftliche Meinungen und Studien bemüht, um ihre Reaktionen zu erklären und die Taten ihres Sohnes zu annotieren. Mit ihrem Erfahrungsschatz lenkt sie die Aufmerksamkeit auf alle Symptome der Depression ihres Sohnes, die sie seinerzeit übersehen hat. Dylan’s Tagebücher zeigen, dass er schon Jahre vor der Tat schwer depressiv und auch suizidal war, eine Tatsache, die er geheim hielt. Versuche, sich mit Alkohol selbst zu therapieren schlugen fehl und so wurde er besonders empfänglich für Eric’s homizidale Ideen. Nach Jahren harten Kampfes mit Trauer, Scham und Schuld ist Sue Klebold jetzt Aktivistin für Suizidprävention. Sie möchte mit dem Buch eine breite Masse auf die Gefahren von übersehenen psychischen Krankheiten aufmerksam machen. Und natürlich ist sie auch eine Mutter, die versucht, das Bild ihres Sohnes in der Öffentlichkeit zu entzerren.

Dieses Buch ist definitiv keine Strandlektüre. Was Sue Klebold aber erreicht, ist ein höheres Bewusstsein für Symptome von Depression und um hilfreiche Ansätze für Trauerarbeit. Alle Einnahmen aus ihren Verkäufen, kommen Stiftungen für psychische Krankheiten zugute. Ihr Text muss reflektiert und mit viel Vorsicht gelesen werden. Trotzdessen liefert er wieder einen kleinen Baustein, um das eigentlich Unerklärliche zu erklären.

„Little Brother“ von Cory Doctorow

Nach den vielen viktorianischen Büchern, die ich durch mein Studium im letzten Jahr lesen musste, wollte ich mich jetzt mal wieder der atuelleren Literatur widmen. Inspiration hierfür bekam ich dieses Mal von Citizenfour. Citizenfour ist eine oskarprämierte Doku von Regisseurin Laura Poitras aus dem Jahr 2014, welche die Tage rund um die ersten Leaks vom amerikanischen Whistleblower Edward Snowden aus dem letzten Jahr darstellt. Auf 114 Minuten Länge rüttelt diese Dokumentation an den Grundfesten dessen, was wir als selbstverständliche Freiheit im Internet verstehen und in fast schon klaustrophobischer Manier werden die Tage Snowden’s in seinem Hotelzimmer nach dessen Flucht nach Hongkong portraitiert. Was packt jemand, der einen so bedeutenden und lebensverändernden Schritt geht wie Snowden, aus seinem alten Leben, um es mit in sein neues zu nehmen? Diese Frage grenzt schon beinahe an die nicht minder schwierige, aber wesentlich theoretischere: Welches Buch würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen? Bei einer Aufnahme von persönlichen Sachen des Whistleblowers entdeckte ich zwischen allerlei Technik und Kabelgestrüpp den Roman Homeland von Cory Doctorow. Der Gedanke, dass sich Snowden für ebendieses entschieden hatte, faszinierte mich. Für welche Lektüre entscheidet man sich auf einer One-Way-Reise, nach der man nie wieder in sein Heimatland zurückkehren kann? Doctorow war mir als Autor noch komplett unbekannt. Eine kurze Recherche ergab, dass es sich bei ihm um einen kanadisLittle_Brotherchen Science-Fiction Autor handelt, und dass Homeland der zweite Teil zum 2008 erschienen Roman Little Brother ist. Little Brother erschien unter der Creative-Common-Lizenz, die es Lesern ermöglicht, das Buch kostenlos und legal zu downloaden und zu verbreiten. Der Roman mischt gekonnt Realität und Fiktion. In den langen und sehr informativen Paratexten erklärt Doctorow, dass die im Buch dargestellten Überwachungsmaßnahmen technisch möglich sind, der Handlungsverlauf ist allerdings fiktiv. Es wird die Geschichte von Marcus Yallow erzählt, einem 17-jährigen sehr online-affinen Teenager, der gern die Grenzen der Überwachung testet, welcher er ausgesetzt ist. Genau dann als er die Schule schwänzt, um mit seinen Freunden ein GPRS-basiertes Computerspiel zu spielen, kommt es in unmittelbarer Nähe zu einem Terroranschlag. Im Trubel nach dem Anschlag wird Marcus plötzlich von Unbekannten verschleppt. Wie es sich herausstellt, handelt es sich bei den Unbekannten um das Department of Homeland Security, also der Heimatschutzbehörde, der amerikanischen Regierung. Marcus wird verdächtigt, etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben. Unter unmenschlichen Bedingungen wird er tagelang festgehalten, verhört und seiner Passwörter und Würde beraubt. Als er endlich wieder freikommt, schwört er Rache und beginnt, dem immer schlimmer werdenden Überwachungsstaat ein unabhängiges und nicht überwachtes Online-Netzwerk, das X-Net, entgegenzusetzen. Damit tritt er sowohl online, als auch offline eine Art Jugendbewegung los, die sich rasant vergrößert und versucht, sich gegen die dauerhafte Überwachung im öffentlichen Raum einzusetzen. Mit den verschärften Maßnahmen der Regierung, um die vermeintlichen Terroristen einzukesseln, zieht sich die Schlinge um Marcus‘ Hals immer weiter zu, bis er sich gezwungen sieht, zu flüchten. Wie es bei Protagonisten im Teenageralter eben so ist, würzt Doctorow das Ganze noch mit einer Prise Teenage Angst und einer unvermeidlichen Liebesgeschichte, jedoch ohne dabei zu kitschig oder plakativ zu werden. Wird Marcus es schaffen, den Fängen der Heimatschutzbehörde zu entkommen? Und was passiert mit seinen Freunden und dem Guerilla-Internet X-Net?                                           Doctorow bedient sich einer Reihe von intertextuellen Elementen, welche sich über den Titel bis hin zu den Online-Namen seiner Protagonisten erstrecken. Little Brother ist relativ offensichtlich an den aus George Orwell’s Big Brother aus 1984 angelehnt. Und auch der Username von Marcus, w1n5t0n, erinnert stark an Orwell’s Hauptfigur Winston Smith. Doctorow schafft es außerdem, den weniger informatikversierten Lesern wie mir,  durch sehr lebendige und gut verständliche Beispiele die Grundprinzipien von enkrypteter Online-Kommunikation zu erklären. Eine deutsche Übersetzung des Romans erschien im Rowohlt-Verlag und jedem, der sich ein bisschen mit den von Snowden losgetretenen Enthüllungen beschäftigen möchte, findet in Little Brother eine gute literarische Grundlage.

Das Böse in uns – The Strange Case of Dr. Jekyll & Mr. Hyde

Mr. Hyde ist in unserer Kultur ein geflügeltes Wort für den dunklen Abgrund in jedem von uns – doch worum geht es eigentlich im viktorianischen Roman vom schottischen Autor Robert Louis Steven7414003808_a1fb733758_oson genau?             Veröffentlicht 1886, der Roman, wie schon Frankenstein, ist im Stil eines Briefromans verfasst. Die Erzählung ist so zwar stringent, aber zusammengefasst aus Briefen und Dokumenten, die am Ende ein Gesamtbild ergeben. Wir erhalten so Einblick in verschiedene Charaktere und alle Vorkommnisse aus unterschiedlichen Perspektiven.                                                                                         Die Erzählung beginnt aus der Sicht von Rechtsanwalt Utterson, der bei einem Spaziergang durch das nächtliche London Zeuge eines Gewaltaktes wird. Das Opfer ist ein junges Mädchen, der Täter wird als Edward Hyde identifiziert. Edward Hyde ist ein dubioser Charakter. Wer versucht, ihn genau zu beschreiben, scheitert schnell – der einzige Vergleich, der durchgängig gemacht wird, ist, dass Hyde beinahe affenähnliche Züge besitzt und in jedem, auf den er trifft, Abscheu hervorruft. Utterson ist Anwalt des angesehenen Arztes Henry Jekyll, welcher kurz nach dem Vorkommnis Hyde als seinen Alleinerben einsetzt. Utterson’s Neugier ist geweckt – die Verbindung zwischen dem abstoßenden Hyde und dem achtbaren Jekyll erscheint ihm verdächtig. Zeit vergeht, ohne dass es zu besonderen Ereignissen kommt. Jekyll, zu Beginn der Erzählung oft gestresst und angespannt, wird merklich gelöster. Dies ändert sich abrupt, wenn Jekyll sich komplett aus der Gesellschaft zurückzieht und ein gemeinsamer Bekannter von ihm und Utterson, Dr. Lanyon, plötzlich verstirbt. Utterson gelangt in den Besitz diverser Briefe von sowohl Jekyll, als auch Lanyon, die ihn in die Labore von Dr. Jekyll führen. Dort erreicht die Erzählung ihren verstörenden Höhepunkt: Wer ist Mr. Hyde und was ist seine Verbindung zum ehrenwerten Dr. Jekyll? Wieso ist er als Alleinerbe eingesetzt? Und was genau passiert in den Laboratorien? All diese Fragen beantwortet Stevenson in seinem Roman auf verstörende Art und Weise.                                                                                             Der Text wurde seit seiner Entstehung unterschiedlichster Lesarten unterzogen, welche von medizinischen, psychologischen, über gesellschaftskritische Interpretationen reichen. Jekyll verkörpert den perfekten viktorianischen Gentleman – ein Arzt, immer kontrolliert, gesellschaftlich anerkannt, intellektuell und gut aussehend repräsentiert er seine Gesellschaftsklasse wie kein Zweiter. Hyde auf der anderen Seite verkörpert alldarwines, wovor sich das viktorianische England fürchtete: Kriminalität, Gewalt, ein Verhalten, was nicht den gesellschaftlichen Normen entsprach und mehr von Instinkten geleitet wird, als von der menschlichen Ratio. Besonders dies ist Ausdruck der Sorge um eine Konterevolution. Nachdem Darwin seine Evolutionstheorie vorgestellt hat und unter Einfluss der Kolonialisierung waren viele Zeitgenossen der Ansicht, dass das viktorianische England der Zenit der Menschheit darstellt und es demnach nur bergab gehen kann – Ängste, die Hyde in sich vereint.                                Jekyll & Hyde ist eine der typischsten Vertreter der Doppelgängerliteratur. Auch wenn in diesem Fall Jekyll’s Doppelgänger ihm nicht im Geringsten ähnelt, so verbindet die beiden Männer doch die gemeinsame Persönlichkeit, dessen beide nur unterschiedliche Ausprägungen verkörpern. Doppelgänger haben laut Sigmund Freud zwei Funktionen, erstens geben sie uns ein Gefühl von Sicherheit – unsere Identität bekommt eine Art Sicherheitskopie. Auf der anderen Seite macht uns ein Doppelgänger auch überflüssig. Das Individuum kann einfach ersetzt werden und das ohne nennenswert Aufsehen zu erregen. Man ist einem anderen Individuum ausgeliefert und erlebt einen Kontrollverlust. Mit genau diesem Kontrollverlust spielt Stevenson. Wird es Jekyll gelingen, die Oberhand über das Böse in ihm zu erlangen? Oder ist das Böse in uns zu mächtig?

Richard Bachman’s Rage – „Out of print, and a good thing“?

Je mehr ich in die Recherche für meine Masterarbeit abgetaucht bin, umso mehr habe ich realisiert, wie groß das Feld der Literatur zu Amokläufen an Schulen und Universitäten eigentlich ist und mit welcher Vielfalt darüber geschrieben wird—ob Bücher für junge Erwachsene, Fiktion, unterschiedliche Erzählweisen, prä- oder post-Columbine. Ein Roman sticht dabei besonders hervor—ein Klassiker des Genres, wenn man so will. Rage (deutscher Titel Amok) ist eine Novella des amerikanischen Autors Richard Bachman, welche 1977 erschien. Wer das Buch allerdings kaufen möchte, wird enttäuscht, denn seit Jahren wird es nicht mehr verlegt (kleine Schlupflöcher gibt rage-stephen-kinges jedoch im eBook-Bereich!). Selbst gebrauchte Ausgaben auf Ebay sind nur schwer zu finden und wenn man Glück hat, liegen die Preise bei Auktionen im dreistelligen Bereich. Was macht dieses Buch so verboten wertvoll? Ein Blick auf den Namen des Autors – oder besser auf dessen Pseudonym – gibt Aufschluss. In Wirklichkeit hat der Leser es nämlich mit einem der früheren Werke von Horrorautor Stephen King zu tun. Zugegeben, Stephen King zählt auf Grund seines Schreibstils nicht unbedingt zu meinen Lieblingsautoren. In der hier behandelten Thematik allerdings helfen die kühlen und chirurgisch formulierten Sätze und die manchmal verstörend detaillierte Erzählweise, das Setting der Erzählung zu unterstreichen. Anders als zum Beispiel bei Jodi Picoult’s Nineteen Minutes, wird Rage ausschließlich aus der Sicht des Amokläufers erzählt. Charlie Decker, tragischer Protagonist und Amokläufer, erschießt erst zwei Lehrer und hält dann seine Klasse als Geisel. Der Roman beschreibt diesen Schultag und alle Geschehnisse im Klassenraum während der Geiselnahme. Anders als erwartet entwickelt sich eine Dynamik zwischen den Schülern, die beinahe einer Gruppentherapie ähnelt. Sowohl Charlie, als auch andere Mitschüler erzählen von Ereignissen, die sie geprägt haben. Egal aus welchem familiären Hintergrund, egal ob beliebt oder unbeliebt, jeder der möchte, kommt zu Wort. Dies schließt auch Charlie ein, der Anekdoten aus seiner Kindheit erzählt – von seinem zerrütteten Elternhaus, vom gewalttätigen Vater, von Mobbingerfahrungen, von seiner ersten unglücklichen Liebe. Nur einer lehnt sich auf, Ted Jones, der einzige der Schüler, der während der Geiselnahme den Anschein macht, als würde er gegen seinen Willen festgehalten werden. Dies wird auch deutlich, als Charlie eine Klassenkameradin während der Geiselnahme den Raum verlassen und auf Toilette gehen lässt. Sie flüchtet nicht, sondern kehrt am Ende tatsächlich wieder zur Klasse zurück. Inzwischen wird der Druck von Polizei und Einsatzkräften auf Charlie immer größer und auch der Druck der Klasse auf Ted steigt merklich. Eine Stunde vor Ende der Geiselnahme lässt Charlie von einem Klassenkameraden die Rolläden des Klassenzimmers herunterziehen. Was passiert in dieser letzten Stunde in der Klasse? Gibt es weitere Opfer? Was geschieht mit Charlie?                                                                  Besondere Brisanz erfährt das Buch tatsächlich dadurch, dass ihm nachgesagt wird, Inspiration für eine Reihe echter Verbrechen zu sein. Besonders in einer der Hochphasen von Amokläufen an amerikanischen Schulen (in den 80ern und 90ern) wurde das Buch mehr als einmal zwischen den Besitztümern von Amokläufern gefunden. Barry Loukaitis, Amokläufer des Frontier Middle School Shootings mit drei Toten im Jahr 1996, soll aus dem Buch zitiert haben, bevor er das Feuer eröffnete. Was Stephen King jedoch final dazu bewegte, das Buch aus dem Handel zu nehmen und nicht neu verlegen zu lassen, war das Heath High School Shooting mit acht Toten im Jahr 1997. Der Schütze Michael Carneal hatte zu der Zeit den Roman in seinem Schließfach. Inwieweit das Buch tatsächlich dazu beigetragen hat, diese Gewalttaten zu inspirieren, bleibt natürlich Spekulation. Nichtsdestotrotz ist  ein Roman, der auch 38 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch eine hohe Relevanz besitzt.