Road Trip mit Jack Kerouac

Mein Sommer dieses Jahr steht ganz im Zeichen einer fünfwöchigen Reise durch die USA. Um das gebührend zu feiern und auch gleich noch einige Lesetipps für heiße Tage und lange Abende geben zu können, habe ich eine kleine literarische Rundreise hier auf dem Blog geplant. In den nächsten fünf Wochen nehme ich euch in die verschiedenen Ecken Amerikas mit und stelle Bücher vor, die in den Regionen spielen, in denen auch wir Halt machen. Vom Mittleren Westen, über Kalifornien, die Südstaaten, und New York—zu jedem Ort wird es einen Buchtipp geben. Den Anfang macht diese Woche Jack Kerouac und sein Klassiker der Beat Generation Unterwegs (On the Road). Veröffentlicht im Jahr 1957, wurde Kerouac’s Buch bald zum prominentesten Standardwerk dieser literarischen Bewegung und machte seinen Autor zum berühmtesten Vertreter und gleichzeitig Vorvater der Hippiebewegung der 1960er Jahre. In seinem Klassiker der Road Trip Literatur nimmt uns Kerouac mit auf seine chaotischen Reisen quer durchs Land. Wer von diesem Buch einen klassischen Erzählstrang erwartet, wird jedoch enttäuscht werden. Ein Stilmittel Kerouac’s ist seine spontane Prosa, mit der er schon den modernistischen Versuch wieder aufgreift, den sonst kaum erfassbaren Gedankenfluss des Autors auf Papier zu bannen. Dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass er sein Originalmanuskript innerhalb von drei Wochen fertig stellte. In einem Interview mit Steve Allen aus dem Jahr 1959 erzählt der schüchtern wirkende Kerouac von seiner Art, Texte zu verfassen. Seine narrativen Arbeiten, wie On the Road, verfasste er an der Schreibmaschine mit einer ununterbrochenen Fernschreiberpapierrolle; seine Lyrik dagegen mit Bleistift. Ersteres ließ Truman Capote, bekannter Autor von Frühstück bei Tiffany’s, spöttisch bemerken: „That’s not writing, that’s typing“ (Das ist nicht schreiben, das ist tippen). Egal jedoch, wie man zu spontaner Prosa steht, sicher ist, dass die Beat Generation um ihre berühmten Autoren das konforme Amerika der 1950er Jahre aufgerüttelt hat. Ähnlich wie Benjamin Braddock in The Graduate ein Jahrzehnt später rebellieren auch sie—doch werden auf ihrer Sinnsuche nicht vom Mainstream eingeholt.  Beim Lesen von On the Road konnte ich aber zwischen ihrem unbeständigen Lebensstil zwischen Ost- und Westküste, zwischen Ehen und Affären, zwischen Jazz und Drogen nicht ein Gefühl von erdrückender Melancholie abschütteln. Diese Männer sind unablässig auf der Suche nach dem großen Es, dem Sinn des Lebens, dem großen Glück. Nachdem ich die letzte Seite umgeblättert hatte, fühlte ich mich beinahe selbst wie nach einem langen Road Trip, erschöpft und froh, zu Hause zu sein. Kerouac‘s Charaktere sind alle stark autobiographisch an ihn und seine Freunde der Beat Generation, wie zum Beispiel Neal Cassady, Allen Ginsberg oder William S. Burroughs, angelehnt. Alle Protagonisten versuchen ständig, den Verpflichtungen des Lebens zu entkommen und werden beim Versuch dabei zu Karikaturen verzerrt, die mit aller Macht und allen Drogen der Realität zu entfliehen versuchen. Wer hofft, konkrete Bilder von amerikanischen Städten gemalt zu bekommen, wird dementsprechend enttäuscht werden. Kerouac mystifiziert viel mehr, als dass er reale Bilder zeichnet. So sehr wie Sal Paradise im Buch auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist, so suche auch ich als Leser nach seiner Idee der USA, seinem Amerika. Als Liebhaberin von viktorianischen Klassikern habe ich mich außerdem mit Kerouac‘s Erzählweise ziemlich schwer getan. Dieses Buch ist definitiv keine Strandlektüre, aber öffnet die Augen für eine literarische Bewegung des Amerika’s der 1950er Jahre, die zumindest hier in Deutschland zumeist unbekannt ist.

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