Geheimtipp aus der englischen Romantik: Thomas De Quincey

Die englische Literaturepoche der Romantik brachte große Dichter und Denker hervor. Als Gegenbewegung zur Aufklärung wandten sich Künstler der Natur zu und flüchteten vor Industrialisierung und politischen Revolutionen in Traumländer und Sagenwelten. Die größten Namen der englischen Romantik sind sicher Dichter wie Percy Shelley, William Wordsworth, Lord Byron oder Samuel Taylor Coleridge. Einer der größten, aber bisher kaum beachteten Genies dieser Zeit ist Thomas De Quincey. In Manchester geboren, schrieb er vor allem Essays, aber wenig fiktionale Texte. Bekannt und berühmt wurde er mit der Veröffentlichung seiner Beichten2012AA02791 eines englischen Opium-Abhängigen (Confessions of an English Opium-Eater). In diesen beschreibt er, stark biographisch angehaucht, von seiner Abhängigkeit zum Opium. Opium war in dieser Zeit ein sehr beliebtes Medikament und seine Wirkung als abhängig machende Droge wurde sehr unterschätzt. Fast alle der anderen oben genannten Autoren und Dichter waren auch opiumabhängig, besonders Samuel Taylor Coleridge und der schon sehr früh verstorbene John Keats. De Quincey beleuchtet also einen Teil der englischen Lebensart jener Zeit, die sonst beinahe in Vergessenheit gerät. Besonders interessant ist eine psychoanalytische Lesart seines Textes, da er eben nicht nur die Anfänge und Auswirkungen seiner Abhängigkeit beschreibt, sondern besonders großen Wert darauf legt, viel über seine bewegte Kindheit und Jugend zu erzählen. Unter Literaturwissenschaftlern gibt es schon lang die Ansicht, dass Psychoanalyse als sekuläre Beichte angesehen werden kann, und dementsprechend bietet De Quincey’s Text viele Anhaltspunkte für psychoanalytische Ansätze, die den Grund für gewisses Verhalten in frühkindlichen Traumata sehen. Mit der Inklusion seiner Erinnerungen erschafft De Quincey somit beinahe eine Therapiesituation, in der er schriftlich über seine Trauma reflektiert. Und auch wenn es sehr gewagt ist zu behaupten, dass seine frühe Konfrontation mit dem Tod und Existenz- und Verlustängsten zu seiner Anfälligkeit für Opiate beigetragen hat, so scheint mir dieser Schluss mit Blick auf Freud’s Theorien nicht zu weit hergeholt. Neben all den wissenschaftlichen Beschreibungen seiner Abhängigkeit und minutiös aufgeführten Mengen des genommenen Opiums, macht De Quincey aber auch keinen Hehl daraus, dass er eine große sprachliche Begabung hatte. Immer wieder fügt er altgriechische Zitate in seinen Text ein, oder erwähnt am Rande seine Lektüre deutscher Philosophen wie Immanuel Kant. Man nimmt ihm aber sein subtiles Prahlen kaum übel, da er seine Texte außerdem mit wunderschönen Metaphern und tiefsinnigen Gedankengängen spickt, die zum Beispiel London’s Straßen zu „mächtigen Labyrinthen“ werden lassen, in denen man sich, obwohl nur wenige Schritte voneinander entfernt, „bis in alle Ewigkeit verliert“. Immer wieder spürt man so, dass man einen romantischen Text liest, der sich eben nicht nur an  der Ratio orientiert, sondern Zeit für diese Observationen nimmt. De Quincey’s Hauptwerk, seine Beichte, wurden bisher nicht ins Deutsche übersetzt—ein weiteres Indiz für sein bisher kaum bekanntes Genie und ein wirklicher Verlust für die deutsche Literaturlandschaft.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s